Trigger-Worte: „Schmeiß die Teller nicht runter!“

"Schmeiß die Teller nicht runter!"

„Schmeiß die Teller nicht runter!“ – Trigger-Worte

Wenn wir Worten mehr Gewicht geben als wir sollten

Es gibt mehr als einen Satz, der Debora seit ihrer Kindheit und frühen Jugend in Rage versetzt. Ein Wort jedoch, mit allen seinen Bedeutungen, schafft es immer, einen wunden Punkt bei ihr zu treffen. Egal ob „Schmeißen“ im Sinne von Werfen oder im Sinne von „etwas hinschmeißen“, also aufgeben, etwas unvollendet lassen.

„Schmeiß die Teller nicht runter!“ Ein Teller wird nicht geschmissen. Jedenfalls nicht, wenn man ihn abspült, abtrocknet oder ihn auf den Tisch stellt. Geschmissen wird ein Teller nur dann, wenn eine Absicht vorliegt. „Hier fang, ich schmeiß dir den Teller zu“ – Ein Teller als Frisbee-Ersatz. Oder: „Ich bin so wütend, deswegen schmeiß ich jetzt den Teller gegen die Wand!“ In Rage und mit vollem Bewusstsein der Wirkung wird ein Geschirrstück zu Boden geworfen. Dieses Beispiel muss sich nicht unbedingt auf den Teller beziehen. Es kann jedes beliebige Geschirrstück sein, oder noch besser ein zerbrechlicher Einrichtungsgegenstand, wie eine teure Vase.

Manche Ausdrucksweisen ärgern uns ein Leben lang

In Deboras Fall sind es nun einmal die Teller, die im Gedächtnis haften geblieben sind. Denn ihre Eltern hatten große schwere Teller aus schwarzem Glasporzellan und mit abgerundeten Rändern. Teller, die danach schreien, einem kleinen Mädchen aus den Fingern zu rutschen und danach als Scherben den Boden zu zieren. Dass durch Deboras Schuld die Teller zerstört wurden, muss wohl mehr als einmal vorgekommen sein. Erstens sind nach eigenen Angaben nur noch zwei der schwarzen Ungetüme im Schrank und zweitens erdachten Mutter und Vater eine präventive Maßnahme, um die Teller vor dem Scherbentod zu bewahren. Diese lautete: „Schmeiß die Teller nicht runter!“ – Eine Warnung, auf die mehr als einmal der Folgesatz „Hast du schon wieder die Teller runtergeschmissen?“ zu hören war.  Als Kind fühlte sich Debora der Tat bezichtigt, das edle Geschirr absichtlich zu Boden geworfen zu haben. Dies entsprach, meistens, nicht der Tatsache. Und auch heute ärgert sie sich noch über diese Ausdrucksweise.

Der „biographische Trigger“

Dr. Vesna Marinovic´ ist Diplompsychologin. Sie hat in Heidelberg studiert und promoviert. Derzeit forscht sie an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main über sozial-kognitive Entwicklungen bei Kleinkindern.

Dr. Vesna Marinovic´ ist Diplompsychologin. Sie hat in Heidelberg studiert und promoviert. Derzeit forscht sie an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main über sozial-kognitive Entwicklungen bei Kleinkindern.

In einem Gespräch mit Psychologin Marinović, widmen wir uns Deboras Fragen. Sind diese Trigger-Worte bei jedem gleich? Wie brennen sich einige Schlüsselwörter oder -Sätze so in unser Gedächtnis ein?  Welche Methoden gibt es, um in solchen Situationen nicht aus der Haut zu fahren?

Dieses Phänomen können wir den „biographischen Trigger“ nennen. Anders als unbedachte Ratschläge tritt dieser Trigger nur unter bestimmten Voraussetzungen auf. Diese Voraussetzungen liegen in unserer Vergangenheit. Wurde eine Situation häufig erlebt? Habe ich mich unverstanden gefühlt, oder ungerecht behandelt? Die Wörter, die uns zu einer übermäßigen emotionalen Reaktion bringen, sind daher individuell. Wenn Deboras Vater jetzt sagt, sie solle die Teller nicht schmeißen, so schwingt für sie automatisch ein Vorwurf mit. Das bereits erlebte sorgt dafür, dass sie die Botschaft immer gleich aufnimmt. Schließlich bedeutet ein wiederholter Satz für den Sender: der Empfänger hat ihn nicht verstanden. „Nur wenn ich den Satz oft genug wiederhole, tritt der erwünschte Effekt ein.”, denkt sich der Vater. In den wenigsten Fällen funktioniert diese Maßnahme.

 Was passiert mit uns, wenn wir eines unserer Trigger-Worte hören?

Wir versetzen uns zurück in den Gefühlszustand von damals. Ein Trigger ist gekoppelt an eine emotionale Reaktion, die mit dem Abruf von Erinnerungen einhergehen kann. Jeder Mensch hat ein oder mehrere Themen, die ihn auf seinem Lebensweg verfolgen. Bei Debora wird das wohl die Ungeschicklichkeit sein oder das fehlende Durchhaltevermögen. Auf diese speziellen Themen reagiert sie besonders emotional. Aus der Verbindung Thema plus Wiederholung plus das Gefühl ungerecht behandelt worden zu sein, entsteht ein starker Trigger.  An alle emotionalen Inhalte erinnern wir uns schneller und tiefer. Impulsive und übermäßig emotionale Handlungen sind meist die Folge daraus.

Eine Art mit Trigger-Situationen umzugehen, wäre sich selbst zu vergegenwärtigen. Wir müssen uns selbst erklären, dass wir jetzt erwachsen sind und solche Situationen in der Vergangenheit liegen. Inzwischen sind wir durch viele neue Erfahrungen reifer geworden. Weder sind wir kleine Kinder, denen Teller runterfallen, noch unkonzentrierten Jugendlichen, die ihre Hausaufgaben nicht gründlich machen. Welches Thema auch immer es sein mag, das uns verfolgt: Es ist in der Kindheit entstanden und kann durch das Kommunizieren von Reife abgeschwächt werden.

Eine Botschaft hat immer mehr als eine Ebene. Das, was gesagt wird, sowie eine emotionale Komponente. Kommunikationswissenschaftler unterscheiden zwischen Sach- und Beziehungsebene. Manchmal werden auf der Beziehungsebene weitreichendere Botschaften gesendet, als es die Sachebene zu erkennen gibt. Dies kann uns emotional aufwühlen oder zu Konflikten führen, die wiederum mittels achtsamer Kommunikation gelöst werden können.

Autorin:

sonjap