Trigger-Worte: „Reiß dich zusammen!“

Reiß dich zusammen!

Reiß dich zusammen!

Wenn wir Worten mehr Gewicht geben als wir sollten

Ein Paradoxon in sich: die Floskel „Reiß dich zusammen!“  Wie kann etwas zusammen gerissen werden? Etwas zusammenfügen, indem jemand daran reißt, klingt unmöglich. Trotzdem sind diese drei Worte ein Ratschlag, den so ziemlich jeder schon einmal gehört hat. Die Widersprüchlichkeit sehen die Geber des Rates meist nicht.

Oft genug hat Jutta in einer, für sie, aussichtslosen Situation eben jene Floskel als missglückte Aufmunterung zu hören bekommen. Das erhoffte Ergebnis dieser Empfehlung verkehrte sich zu meist ins Gegenteil. Sie fühlte sich viel hilfloser als zuvor und war zusätzlich noch deprimiert. Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, das zu zurechtgewiesen werden muss. Jutta, drei Jahre, ist hingefallen und hat eine kleine Schürfwunde am Knie – „Reiß dich zusammen!“ Juttas Familie ist umgezogen und in der neuen Schule findet sie keine Freunde – „Reiß dich zusammen!“ Ihr gerade begonnenes Studium macht ihr keinen Spaß und sie zweifelt an ihren Begabungen – „Reiß dich zusammen!“

Was bedeutet „Reiß dich zusammen?“

Wer ihr diesen Ratschlag gab, meinte vielleicht so viel wie die Zähne zusammen beißen, nicht locker lassen. Es könnte einem aber auch sagen, dass die Person an Jutta glaubte und dachte, sie könne mit diesem klugen Rat jede Situation überdauern. Wieder andere sehen den Ratschlag als  „Tritt in den Hintern“. Sie schließen von sich auf andere und gehen davon aus, dass der Rat genau das Richtige sei, um andere anzuspornen.

Für Jutta allerdings bedeutet „Reiß dich zusammen“  nur: „Die Person möchte oder kann sich nicht mit meinen Problemen befassen. Sie wünscht sich, dass ich sie nicht weiter mit meinen Wehwehchen belästige.“ Als wäre Jutta wieder fünf Jahre alt und hätte sich die Finger in der Autotür eingeklemmt. Es tat zwar weh, aber es war kein Blut zu sehen. Deshalb galt es, die Erwachsenen nicht mit solchen Lappalien zu stören.

Erst vor einigen Wochen hat sich Jutta, nach eigenen Angaben, selbst dabei erwischt, wie sie den verhassten Ratschlag jemand anderem gab. „Und ich habe mich genauso gefühlt, wie ich dachte – überlegen und genervt. Ich war mir zu fein, um mich mit der wehleidigen Darbietung einer Mimose abzugeben.“

Bei unbedachten Ratschlägen ist eine negative emotionale Reaktion programmiert

Gemeinsam mit einer Psychologin begebe sich Jutta nun auf die Suche nach dem Ursprung und der Bedeutung ihres Triggers. Wie kommt es, dass der Mensch sich solcher Ratschläge bedient? Was genau regt Jutta an genau diesen drei Worten überhaupt so auf? Wie kann sie ihre übermäßig emotionale Reaktion auf solche Schlüsselworte abstimmen?

Die Floskel „Reiß dich zusammen!“ ist, in den meisten Fällen, ein unbedachter Ratschlag. Der Grund, weshalb wir derartige Phrasen gerne aussprechen:  Der Mensch ist ein Wesen, das auf Probleme eine möglichst schnelle Lösung haben will. Dies bringt uns oft dazu, voreilig mit Empfehlungen um uns zu werfen. Mit der Artikulation des Rates sehen wir das Problem als gelöst an. Die Motive dahinter sind oft eigene Hilflosigkeit gegenüber dem Leiden anderer, Unaufmerksamkeit oder Desinteresse.

Dr. Vesna Marinovic´ ist Diplompsychologin. Sie hat in Heidelberg studiert und promoviert. Derzeit forscht sie an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main über sozial-kognitive Entwicklungen bei Kleinkindern.

Dr. Vesna Marinovic´ ist Diplompsychologin. Sie hat in Heidelberg studiert und promoviert. Derzeit forscht sie an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main über sozial-kognitive Entwicklungen bei Kleinkindern.

Dahinter kann trotzdem der aufrichtige Wunsch stehen, jemandem helfen zu wollen. Die Person denkt schnell, sie überblicke die ganze Situation und helfe mit einem Ratschlag.

Wer auf Floskeln “allergisch” reagiert, fühlt sich meist unverstanden. Psychologin Marinovic´ erklärt: „Für sie steht fest: Der gegenüber möchte nicht wissen, WARUM es mir schlecht geht und speist mich deshalb mit einer leeren Worthülse ab.” Ein Rat wie „Reiß dich zusammen“ erlaubt außerdem den Schluss, das angesprochene Problem wäre nicht als solches anzuerkennen. Wer keine Anerkennung bekommt, fühlt sich nicht ernst genommen.

Wenn wir genau das Gegenteil tun…

In der systemischen Psychotherapie gibt es den Ansatz der „Paradoxen Intervention“. Dabei werden die Patienten aufgefordert, das Gegenteil vom eigentlich Erwünschten zu tun. Personen mit Schlafstörungen wird beispielsweise zur Aufgabe gestellt, die Nacht über wach zu bleiben. Dies nimmt den Druck, unbedingt einschlafen zu müssen und führt meistens zu Entspannung und letztendlich zum Einschlafen. Ein Rat, der Jutta dazu ermuntert, ihre Sorgen fallen zu lassen und gegebenenfalls nicht ihr Ziel zu erreichen, könnte also unter gegebenen Umständen hilfreicher sein. Der Druck würde weichen, das Ziel unter allen Umständen zu erreichen und dadurch sogar für neue Motivation sorgen. Bei unbedachten Ratschlägen ist eine negative emotionale Reaktion programmiert.

Wie kann Jutta in Zukunft damit umgehen?  Eine allgemeingültige Methode gegen fahrlässige Empfehlungen gibt es nicht. Jeder reagiert anders auf Empfehlungen in unterschiedlichen Situationen. So muss auch jeder seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Eine Möglichkeit wäre, sich präventiv eine pfiffige Antwort auf Trigger-Worte zu überlegen. Eine gute Taktik, um mit Floskeln umzugehen: das Ganze mit Humor nehmen, aber seinem Gegenüber trotzdem zeigen, dass man sich nicht verstanden fühlt. Als Ratgeber gilt sich zu merken: Ratschläge sind auch Schläge.

Ein Berater sollte keine unbedachten Ratschläge geben. Es ist stattdessen üblich, die Situation des Klienten genau zu beleuchten, um zu verstehen, worin das Problem liegt. Dies geschieht, indem der Berater seinem Gegenüber genau zuhört und spezifische Fragen stellt, während er sich stets vergewissert, die Situation richtig verstanden zu haben. Diese Art von Problembearbeitung macht einen expliziten Ratschlag häufig unnötig. Durch das genaue Hinschauen gewinnen Berater und Klient ein klares Bild. Der Betroffene kann dadurch leichter entscheiden, wie er in zukünftigen Situationen handeln wird.

Autorin:

sonjap