Selbstversuch: Ein Tag ohne Worte

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ausgerechnet ich, die Quasselstrippe, hat sich freiwillig gemeldet, einen Tag lang die Klappe zu halten. Nicht reden und nichts schreiben. Das bedeutet auch, dass Facebook-Posts, Chats und Tweets einen Tag lang tabu sind. Wie soll ich das nur schaffen? Schon die Nacht „davor“ kann ich kaum schlafen vor Aufregung. Doch es gibt kein Zurück mehr, ich werde das durchziehen!

Als ich meinem Freund noch vor ein paar Wochen von diesem Experiment erzählte, war er begeistert („Ein Tag, an dem du schweigst? Da müssen wir uns unbedingt sehen!“). Sehr witzig. Seine Einstellung änderte sich allerdings, als es dann wirklich soweit war. Doch dazu später mehr.

Es geht los: Mein Schweige-Tag

Foto: Corinna Schuster

Mit einem Apfel und einer Trinkbewegung gelingt es mir, der Verkäuferin zu zeigen, was ich will: Apfelsaftschorle.
Foto: Corinna Schuster

Bevor es in die Uni geht, führt mich mein Weg erst einmal zu meiner Stammbäckerei. Bis auf die Tatsache, dass ich mich extrem unfreundlich fühle, läuft es besser als gedacht. Ohne ein „Guten Morgen“ oder ein „Danke“ zeige ich stumm auf die Rosinenbrötchen und forme die Zahl zwei mit meinen Fingern. Die Verkäuferin versteht sofort. Auch, als ich auf meinen Apfel zeige und eine Trink-Bewegung mache, komme ich mir zwar superdämlich vor, aber sie weiß sofort, was ich will: Apfelsaftschorle. Juhu! Ein erster Erfolg!
Meine Kommilitonin Corinna begleitet mich heute als Fotografin – und ist als Einzige eingeweiht. Das erste Zusammentreffen mit ihr ist lustig. Sie begrüßt mich freudestrahlend, ich winke ihr nur zu. Die 30-minütige Busfahrt mit ihr verläuft ungewohnt – schließlich ist sie die einzige, die redet. Ich hingegen nicke nur oder schüttele den Kopf, wenn sie mir eine Frage stellt. Auch für sie eine seltsame Situation. „Ich vermisse deine Stimme jetzt schon“, sagt Corinna und fährt dann lachend fort: „Das Problem ist, dass ich meine Stimme jetzt zu viel höre. Ich hätte gerne mehr Abwechslung.“ Was wohl die übrigen Fahrgäste denken angesichts dieses doch sehr einseitigen Gesprächs?

Foto: Corinna Schuster

Sprechen darf ich nicht, Wörter benutzen eigentlich auch nicht. Für meine Dozentin mache ich eine Ausnahme. Schließlich soll sie wissen, warum ich heute im Unterricht nicht mitmache.
Foto: Corinna Schuster

In der Uni angekommen, muss ich der Dozentin die Situation erklären. Es wäre schon ziemlich auffällig, wenn ich im Blockseminar – das sieben Stunden lang dauert – nur schweigend dasitze. Eigentlich darf ich nichts schreiben, doch das ist eine von drei Ausnahmen, die ich mir selbst „gönne“. Mit Zeichensprache deute ich an, dass ich heute nicht sprechen kann. Ich entfalte mein Blatt Papier, auf das ich mit großen Worten „Für Uni-Projekt“ geschrieben habe. Sie lacht. Gut, dass meine Dozentin so verständnisvoll ist.
Die beiden anderen Ausnahmen: Ich schreibe im Unterricht mit und beantworte eine Anfrage von meinem Chef. Meinen Nebenjob will ich schließlich behalten.

Manchmal braucht man auch keine Wörter, wie zum Beispiel beim Mensa-Essen. Foto: Corinna Schuster

Manchmal braucht man auch keine Wörter, wie zum Beispiel beim Mensa-Essen.
Foto: Corinna Schuster

„Und? Was sagst du dazu, Sonja?“

Nicht alle Mitstudenten wissen vom Experiment und es dauert lange, bis einige mich darauf ansprechen, „was denn mit mir los“ sei. Mit Mimik und Gestik versuche ich, auf die Frage zu antworten, bis mein Gegenüber völlig entnervt aufgibt: „Also an deiner Gebärdensprache musst du noch arbeiten“. Na danke.
Je länger der Tag andauert, desto frustrierter werde ich. Nicht nur, weil ich mich in keinster Weise am Unterricht beteiligen kann – obwohl mir so viel auf der Zunge liegt. Sondern auch, weil ich nicht wie sonst immer kleine Scherze am Tisch mit meinen Kommilitonen reißen kann. Dennoch: Es ist auffällig, dass die Mitstudenten, die am meisten mit mir zu tun haben, meine Zeichensprache am besten verstehen. „Das Raten macht ja richtig Spaß“, so das Fazit einiger. Ja, wenn man nicht derjenige ist, der sich nicht ausdrücken kann, bestimmt. Denn die Verständigung gelingt trotz aller Anstrengung nicht immer. Bis zur Pause hat sich mein Experiment herumgesprochen. So manche fangen jetzt an, mich zu necken mit Sprüchen wie „Und? Was sagst du dazu, Sonja?“. Tja, nicht viel…zumindest nicht heute. Und während die Gespräche am Mensa-Tisch weitergehen, fällt mir immer mehr auf, wie isoliert ich bin. So viele Fragen, die ich gerne stellen würde, so viele Themen, bei denen ich gerne mitreden oder etwas erzählen würde – und kann es nicht. Nur bei der Abschlussbesprechung, bei der unsere Dozentin Feedback von uns haben möchte, kann ich mich äußern: Ich strecke ihr zwei Daumen nach oben entgegen.

Erst belustigt, dann genervt

„Du ziehst das echt durch?!“, stellt mein Freund fest, als ich ihn am Abend sehe und er merkt, dass ich mein Schweige-Gelübde wirklich ernst nehme. Zuerst findet er es lustig und zieht mich am laufenden Band mit Fragen wie „Und? Wie war dein Tag heute?“ auf. Doch auch bei ihm ist irgendwann Schluss mit lustig und er stöhnt: „Hoffentlich ist dieser Tag bald vorbei, das ist echt anstrengend.“ Vorbei ist der Tag dann tatsächlich wenige Stunden später. Und ganz ehrlich? Ich bin richtig froh darüber.

Fazit: Ein Tag ohne Worte kann sehr lang sein und Kommunikation ohne Worte ist verdammt schwierig. Der Wert von Worten? Unbezahlbar.

sonjan