„Mittelmaß machen schon alle anderen“

Ein Gespräch mit Liane Jessen, Fernsehspiel-Chefin des Hessischen Rundfunks, über gute Drehbücher, gute Tatorte und das Dschungelcamp.

Frau Jessen, was macht einen guten Filmstoff aus? Ist es besser, wenn ein Verlierer mitspielt?

Ja natürlich, kein Mensch interessiert sich für ungebrochene Gewinner. Das was am besten läuft, sind Geschichten von Aufstieg und Fall oder Fall und Aufstieg. Das lieben alle Leute, weil es einem das Prinzip Hoffnung gibt. Und das ist ganz wichtig. Wie dieser wunderbare Film, bei dem Menschen von Feuerland bis zum Nordpol nicht irren konnten: Pretty Woman. Am Ende steht die Botschaft: Hört nie auf an eure Träume zu glauben. Film ist dafür da, wie Literatur, um das Leben zu vervielfachen. Wir haben nur ein Leben. Durch Filme und Literatur können wir Erfahrungen machen, die wir alle in unseren kurzen Leben nicht machen können. Das ist großartig. Jeder der nicht gerne liest und keine Filme guckt, tut mir eigentlich leid, weil er sein Leben sehr eindimensional führt.

Aber sind das nicht nur geliehene Leben?

Ist unser Leben nicht auch nur geliehen? Ich lebe manchmal intensiver in einem guten Buch als im eigenen Leben, wo ich morgens aufstehe, Brote für die Kinder schmiere, einkaufe, zur Arbeit fahre. Aber sonntags liege ich bis mittags im Bett, dann baue ich alle Zeitschriften um mich herum und alle Bücher, mache mir Kaffee und ein tolles Frühstück. So tauche ich manchmal sehr viel intensiver in andere Welten ein, in die Gefühle der Figuren. Sehr häufig haben wir keine Zeit für Gefühle im Alltag.

Liane Jessen, Foto Uli Martin

Liane Jessen, Foto Uli Martin

Braucht ein Drehbuch immer diese Kontraste von Aufstieg und Fall, Gewinnern und Verlierern?

Es gibt ein hervorragendes Buch übers Drehbuchschreiben, das nennt sich „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“. Darin wird gesagt, ein Film funktioniert wie eine Reise und ist so aufgebaut: die normale Welt des Protagonisten, die Berufung, die Weigerung, die Begegnung mit einem Mentor, der Turningpoint und so weiter. Das gilt auch für archetypische Figuren: der Held, der weise alte Mann, der Ritter, der Trickser. Das ist interessant, denn es zeigt, dass Grimms Märchen und Fernsehspiele der Degeto vom Aufbau her eigentlich gleich sind. Eines der besten Erzählprinzipien ist das Aschenputtel-Konzept, siehe Pretty Woman. Dieses Prinzip kann man natürlich auch mit einer männlichen Figur erzählen. Solche Filme laufen extrem gut. Dann gibt es noch das Arthouse Kino der jungen zornigen Männer, die diese Strukturen brechen wollen. Nehmen wir einmal den Regisseur Dominik Graf. Filmemacher wie er wollen nicht verführen, unterhalten, einlullen. Ähnlich wie Brecht wollen sie aufrütteln, Grenzen überschreiten, aber trotzdem oben auf dem Treppchen stehen und erfolgreich sein. Sehr populär zu erzählen und dabei Film als Kunst nicht zu verraten, ist fast unmöglich. Man muss für das eine wie das andere einen Preis zahlen. Nur wenige schaffen beides, wie Quentin Tarantino, die Cohen Brothers oder ganz aktuell Steve McQueen.

Sind die Tatorte vom Hessischen Rundfunk eher Pretty Woman oder Arthouse?

Beides. Wir haben 2004 einen Tatort gedreht, der hieß „Herzversagen“. Dieser Film hat den Grimme-Preis gewonnen, die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis. Er hatte eine Quote von über zehn Millionen – als erster Tatort überhaupt. Beim ARD-Jahresranking kam er auf Platz zwei, da stehen sonst nur Fußballübertragungen und die Tagesschau. Es passiert nur ganz selten, dass Relevanz, Gefühl, innovative Erzählung so zusammenpassen. Wenn sonntags um viertel nach acht ein Tatort läuft, dann ist das der Ort, wo wir alles ausprobieren können. Das ist mir ganz wichtig, Genregrenzen zu überschreiten: Arthouse, Schwarz-Weiß, Vor- und Rückblenden, wichtige gesellschaftliche Themen ansprechen. Die Leute gucken es. Ob eine Millionen mehr oder weniger, egal. Das ist wahre Subversion! Besser als das Kleine Fernsehspiel nachts um halb eins.

Sind sie mit dieser Position nicht ein wenig allein in der ARD?

Ja. Aber das macht nichts. Wir sind gerade wieder für den Grimme-Preis nominiert. Der Film „Jack“, eine Koproduktion des Hessischen Rundfunks und Arte, läuft im Wettbewerb der Berlinale. Unsere Tatorte mit Ulrich Tukur waren letztes Jahr auch sehr erfolgreich. Ich mache mir da keine Sorgen. Natürlich versuchen wir jedes Jahr einen Blockbuster zu machen, das gelingt uns auch. Sonst haben wir Quote oder Preise, wobei eine wirklich schlechte Quote haben wir nie. Ich bin im größten Luxus, denn als Festangestellter beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk muss ich keine Angst haben. Wäre ich ein Freier oder Produzent mit vielen Mitarbeitern, dann ist es klar, dass man Kompromisse eingehen muss. In meiner Situation aber bin ich geradezu verpflichtet, zu machen was ich für richtig halte.

Sie haben bereits Morddrohungen erhalten für Ihre Tatorte. Wie steckt man das weg?

Das ist mir relativ egal. Da gehe ich mit meinen Kollegen einen trinken. Das war nach unserem zweiten Tatort mit Ulrich Tukur, der hieß „Das Dorf“. Sie können sich nicht vorstellen, was wir hier teilweise für Mails bekommen. Uns beschimpfen Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte im schlimmsten Fäkaldeutsch. Da denkt man: Im Film wie in der Kunst gab es ständig Grenzüberschreitungen. Aber viele Leute erinnern sich nicht daran. Wir kriegen auch stapelweise unaufgeforderte Drehbücher nach dem Motto: Ich habe früher in Deutsch immer schöne Aufsätze geschrieben. Bei uns bewerben sich übrigens auch echte Kommissare als Ermittler.

Im Frühjahr wird ein Frankfurter Tatort mit insgesamt 47 Toten gesendet. Was erwarten Sie für Reaktionen?

Der Tatort heißt „Im Schmerz geboren“ und ich finde es ist die Apotheose des Tatorts. Manche werden sicher auch schreiben es sei der Abgesang. Der wird bestimmt einige Leute verärgern, weil er über Sprache funktioniert. Der Erzähler spricht nämlich wie Shakespeare. Gleichzeitig ist er eine handelnde Figur. Der Film ist unglaublich spannend, optisch herausragend und ironisch gegenüber dem Tatort-Klischee.

Wie entsteht die Idee für einen erfolgreichen Tatort?

Es klingt etwas überheblich, aber ich finde, dass Erfolg durch harte Arbeit planbar ist. Sie müssen so viel lesen und gucken, wie irgend möglich, ins Theater gehen und die Menschen an der Supermarktkasse studieren. Aus dem Stand heraus Ideen produzieren, das klappt nicht. Wenn ich darauf warten müsste Drehbücher zu bekommen, könnte ich lange warten. Es kommen zwar viele unaufgefordert an, aber wir machen selten etwas davon. Doch noch nie habe ich es in meinen 30 Berufsjahren erlebt, dass jemand mit einer tollen Idee hier hereingekommen ist und sie mir in einem Satz erzählt hat.

Haben Sie ein Beispiel für eine umgesetzte Idee?

Beim Tatort „Herzversagen“ hatte ich zuvor eine Serie im Spiegel gelesen. Es ging um einen jungen Mörder in Paris, der sein Bohème-Leben mit Morden finanziert hatte. Es war sensationell gut geschrieben und ich meinte zu meinen Kollegen, dass wir daraus einen Tatort machen. Oder wir sitzen hier morgens zusammen und erzählen, was wir so erlebt haben. Unsere Besetzungschefin hat mal einer alten Frau geholfen, die sie von der Straße herbeigewunken hat. Das Gebiss der Frau war ihr unters Bett gefallen und meine Kollegin ist also unter das Bett gekrabbelt und hat ihr mit Staubmäusen übersät das Gebiss hevorgeholt. Das haben wir so in einen Tatort mit Andrea Sawatzki eingebaut.

Wie lange dauert es von der Idee bis zum fertigen Drehbuch?

Im Schnitt ein halbes Jahr. Manchmal muss es auch in zwei Monaten gehen, wenn ein Autor nicht in die Pötte kommt, eine Schreibblockade hat oder ausfällt. Dann müssen wir einen anderen anrufen. Wir haben einige Autoren, die sind super gut. Aber die sind dann auch total ausgebucht, denn sowas spricht sich schnell rum. Da muss ich jetzt anfragen, damit sie mir Ende 2015 was schreiben.

Würden Sie nicht mal gern selbst ein Drehbuch schreiben?

Ich will was schreiben, aber kein Drehbuch. Wenn ich etwas schreibe dann einen Roman oder etwas ganz anderes. Keine Drehbücher.

Was sind die Kriterien für den Erfolg?

Manchmal ist es gerade das absolute außer Acht lassen von Erfolg das Rezept. Wie bei Topmodels oder Mode, was gestern hässlich war, ist heute in. Das klassische Abfragen, wer guckt wann was ist sinnlos, denn viele schauen aus Verzweiflung irgendwas und würden gerne was anderes gucken. Aber natürlich gibt es Kriterien für Erfolg: sehr gute Schauspieler, die auch Schauwerte haben, die attraktiv sind. Nebenbei gesagt, funktioniert der Transfer bekannter Gesichter vom Privatfernsehen zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern selten. Natürlich brauchen sie eine Geschichte, die entweder voraussehbar wie Aschenputtel oder ganz rätselhaft ist – das geht beides. Sie muss aber spannend anfangen. Ein sehr guter Kameramann ist wichtig, aber auch eine sehr gute Ausstattung und Kostüme. Das erzeugt den Subtext eines Films. Ein Garant für Misserfolg: Es kommt sehr schlecht an, wenn man merkt, dass sie stark auf den roten Teppich schielen und jeden Preis gewinnen wollen. Im Grunde geht es darum, das Erfolgsstreben maximal zu verschleiern.


Hat das Drehbuch den größten Anteil am Erfolg eines Films?

Sagen wir es so, eine schlechte Geschichte können sie mit einem guten Kameramann und einem guten Schauspieler auf oberes Mittelmaß bekommen, aber nie an die Spitze.

Sie müssen für Ihre Arbeit mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Wissen Sie eigentlich, was die Jugend von heute so macht?

Durch meine Kinder bin ich da gut informiert, das wird mir täglich und systematisch beigebracht. Ich habe mit meiner Tochter das „Dschungelcamp“ geschaut, jeden Abend. Wenn zum ersten Mal eine Sendung von RTL „Wetten, dass…?“ schlägt, mit über 8 Millionen Zuschauern, dann hat das weniger mit der Sendung zu tun. Eher mit einem Phänomen. Das „Dschungelcamp“ ist faszinierend. Deswegen muss man sich das angucken, da kann man was von lernen. Es geht gar nicht um die Menschen. Es geht um die Inszenierung. Vor allem das Moderatorenpaar ist sensationell, weil sie die Sendung ironisieren, sich selber und das auf einem so hohen Niveau, dass niemand wirklich beleidigt ist. Die Leute schätzen diesen Spaß und diese Ironie der Sendung. „Wetten, dass…?“ hingegen, möchte ja richtig ernst Spaß machen. Das ist inzwischen anstrengend. Zuhause löse ich schwerste Krisen aus, wenn ich „Wetten, dass…?“ einschalte. Mittlerweile muss ich, wenn ich das mal schauen will, in den Keller gehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Liane Jessen ist seit Ende 1999 Fernsehspielchefin des Hessischen Rundfunks und dort auch für die Produktion des Tatort Frankfurt verantwortlich. Für sie ermittelten unter anderem schon Andrea Sawatzki, Joachim Król und Ulrich Tukur.

Autor:

mauri