Heilung durch Worte – Ein Interview mit Jörg Henkel

Stress, Depressionen, Burnout – diese Stichworte sind in den Medien mit einer fast schon störenden Häufigkeit anzutreffen. Wenn die Seele nicht gesund ist, wird auch der Körper krank. Doch sich gesund reden – ist das überhaupt möglich? Wir sprachen mit dem Heilpraktiker Jörg Henkel über die Wirkung von Worten und über die Frage, warum Worte allein nicht viel ausdrücken.

Heilpraktiker Jörg Henkel

Heilpraktiker Jörg Henkel

Inwieweit hat der Beruf des Heilpraktikers mit Worten zu tun?

JH: Worte schaffen Vertrauen. Man muss als Behandler in der Lage sein, gut zu kommunizieren, damit der Patient sich wohl fühlt. Es ist ganz wichtig herauszuhören, welche Worte der Patient wählt, wie er etwas sagt und wie er sein Leiden beschreibt.
Zuhören ist die erste Basis, die zweite Basis ist, die richtigen Fragen zu stellen. Das ist eine Kunst und es bedarf einer gewissen Erfahrung, um das richtig zu machen.

Wie kommen Sie mit Patienten ins Gespräch?

JH: Das kommt ganz auf den Patienten an. Ist er zum ersten Mal da oder hat er schon mehrere Behandlungen hinter sich? Ist die Person gestresst oder entspannt? Man muss sie in dem Zustand abholen, in dem sie sich befindet. Von da aus gibt es verschiedene Behandlungswege.

Die Patienten kommen ja nicht „nur zum Reden“, sondern oft auch, um körperliche Beschwerden behandeln zu lassen. Wie passt das zusammen?

JH: Auch hier muss man ja erst einmal zuhören, woran derjenige leidet. Wenn jemand mit Beschwerden kommt, hat er erstmal was zu erzählen. Worte sind immer eine Einleitung, wenn es um physische Probleme geht. In unserer Praxis ist es wichtig, mit Berührungen zu arbeiten, denn sehr viel kann man ertasten. Den Zustand der Wirbelsäule und der Organe zum Beispiel, oder Verspannungen. Da ist Tasten ganz wichtig. Es ist eine Kommunikation ohne Worte, die aber von Worten begleitet werden muss, um ins Bewusstsein des Patienten zu gelangen.

Das heißt, dadurch dass der Patient über sein Leiden spricht, merkt er, wo es zwickt oder was ihn belastet?

JH: Ich gebe mal ein ganz einfaches Beispiel: Ein Patient kommt mit Schmerzen in der Schulter und im Arm. Der Patient schildert mir seine Beschwerden, aber das ist noch keine Diagnose. Diese entsteht erst, indem ich den Patienten berühre und dadurch ertaste, wo die Schmerzen herkommen. Vielleicht zieht es ja aus der Hüfte in den Arm, und das war dem Patienten gar nicht bewusst. Es ist wichtig, dabei auf seine Empfindungen zu achten. Der Klient muss an der Behandlung teilnehmen. Seine Wahrnehmung muss durch Fragen gelenkt werden.

Können Worte auch negativ wirken?

JH: Die Wortwahl ist in der Behandlung sehr wichtig. Das Wort „nicht“ wird in der Kommunikation nachweislich nicht abgespeichert. Das heißt, es ist ein Unterschied, ob ich sage: das ist schlecht gelungen oder das ist nicht gut gelungen. Dafür schwingt das Wort „gelungen“ positiv mit.

Worte transportieren eine Empfindung. Interessant ist, dass Worte für jeden eine verschiedene Bedeutung haben. Deshalb ist es in der Therapie wichtig, sich auf die Wahrnehmungswelt des Patienten einzustellen.

Bekommt man schnell ein Gefühl für die Worte des Patienten, oder muss man gezielt nachfragen?

JH: Eine ganz wichtige Methodik ist das aktive Zuhören. Das heißt, ich versuche, die Botschaft, die ich vom Patienten erhalte in meinen eigenen Worten noch einmal zu wiederholen. Ich spiegele sie ihm, um dann zu hören, ob ich es richtig verstanden habe. So kann er korrigieren, wenn er eine andere Empfindung ausdrücken wollte. Damit können Missverständnisse gelöst werden. Die Kommunikation muss klar sein. Missverständnisse können sehr schnell
entstehen.

Das heißt, ein Wort drückt nicht das aus, was es per Definition bedeutet?

JH: Auch. Beides ist wichtig. Es gibt natürlich immer eine Sachbotschaft, die mit Worten ausgedrückt wird. Allerdings schwingt viel da mit, und das muss man heraushören. In welchem Kontext die Worte stehen ist ebenso wichtig. Welche Dinge die Person damit über sich selbst zeigt.
Als Beispiel: ein Patient redet sehr negativ über andere Menschen. Als geschulter Betrachter hat man so die Möglichkeit, den Patienten auf verscheidenen Ebenen kennenzulernen: Welche Werte hat er? Was ist wichtig für ihn? Wie möchte er nicht sein?

Bespricht man dann auch mit dem Patienten, was für einen Eindruck man über ihn gewonnen hat?

JH: Ja. Alles was er sagt, kann man ihm spiegeln und herausfinden, was dies mit seinen momentanen Problemen zu tun hat. Daraufhin kann man schauen, was ihn gerade belastet und warum er vielleicht zum Beispiel gerade ein Schulterproblem hat. Psychosomatik spielt dabei manchmal eine Rolle.

Das heißt, es ist Ihre Aufgabe, aus den Worten zu lesen und die Verbindung zwischen Worten, Wortwahl und körperlichen Beschwerden zu sehen?

JH: In erster Linie ist es meine Audgabe, den Menschen ernst zu nehmen und zu versuchen, ihn zu verstehen. Dadurch, dass ich achtsam zuhöre und wirklich da bin in dem Moment, ist eine gute Basis zum Verstehen da. Wenn es um körperliche Dinge geht, muss ich das mit dem ganzen Körper in Verbindung bringen. Nicht immer sind psychische Probleme die Ursache.
Genausogut kann es sein, dass körperliche Beschwerden auf die Psyche schlagen. Diese Verbindung zwischen dem Menschen und dem Körper herzustellen, das ist meine Aufgabe.

Kann man sagen, dass Sie ihr Geld mit Worten verdienen?

JH: Nicht mit Worten, sondern mit Kommunikation. Und dazu gehört auch die Behandlung durch Berührung, denn Berührung ist auch eine Art der Kommunikation.

Autoren:

gina

mary