Folgen eines Herrenwitzes

FDP- Bundesvorstand

Anfang 2013 bestimmte die „Sexismusdebatte“ die Schlagzeilen in Deutschland. Ausgelöst durch einen Spruch des FDP-Politkers gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich wurde in der Folge in jeder großen Talkrunde über das Thema debattiert. Das Thema wurde auch von namhaften Zeitungen in Europa und den USA aufgegriffen. Es bildeten sich schnell verschiedene gemischtgeschlechtliche Gruppierungen. Manche, die die Debatte für richtig und wichtig hielten, die möglicherweise selbst auch schon mit sexueller Belästigung konfrontiert wurden und die, die Journalistin unterstützen. Andererseits auch Menschen, die die Diskussion auf die Frustration einer Männer hassenden Journalistin/Feministin zurückführten und dem „Stern“ vorwarf, einen Politker bewusst nieder zu schreiben, obwohl dieser ja aus ihrer Sicht nichts getan hatte.

Auf wessen Seite man sich in dieser Diskussion stellen möchte ist jedem selbst überlassen. Wie nachhaltig die Debatte Brüderle im Wahlkampf geschadet hat, ist wohl genauso wenig zu klären, wie die Frage nach positiven Auswirkungen der Diskussion. Nachstehend die Ereignisse und die Folgen von Brüderles Worten zusammen gefasst.

5. Januar 2012 – Am Tag vor dem offiziellen FDP-Dreikönigstreffen in Stuttgart treffen sich Rainer Brüderle und die Stern-Journalistin Laura Himmelreich an einer Hotelbar für ein Interview. Im Laufe des Abends wird Brüderle zu Frau Himmelreich sagen: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“

21. Januar 2013 – Parteichef Rösler bietet Brüderle sein Amt als FDP-Parteivorsitzender an; dieser lehnt ab. Brüderle geht jedoch als FDP Spitzenkandidat in den Wahlkampf.

24. Januar 2013 – Stern-Porträt „Der Herrenwitz“ über Rainer Brüderle erscheint. Das über ein Jahr zurückliegende Treffen zwischen ihm und Himmelreich wird zum „Tatort“. Brüderle wird von der Journalistin als Säufer und Sexist dargestellt.

Am gleichen Tag richtet die Netzfeministin Anne Wizorek mit anderen jungen Frauen bei Twitter den Hashtag #aufschrei ein. Der Hashtag löst eine Lawine von Geschichten verschiedener Frauen aus, die sich im Alltag verschiedenster Übergriffe ausgesetzt sehen und diese als sexistisch empfinden.

27. Januar 2013 – der Hashtag kommt auf über 57.000 Twitter-Nachrichten, von denen aber nicht alle das Anliegen der Initiatorin unterstützten.

28. Januar 2013 – Günther Jauch diskutiert in seiner Talkshow unter anderem mit Anne Wizorek, Alice Schwarzer und dem Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn. Ergebnis: „Sexuelle Belästigung empfindet jeder unterschiedlich.“ Laura Himmelreich lehnt die Einladung zur Talkrunde ab.

30. Januar 2013 – Die erste öffentliche Begegnung zwischen Himmelreich und Brüderle bei einem Pressetermin in Berlin. Brüderle vermeidet eine öffentliche Klarstellung: „Ich habe mich bisher nicht zu dem Thema geäußert und werde das auch nicht tun. Ich bitte einfach, meine persönliche Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen“

In der ZDF-Talkshow “Markus Lanz” wird öffentlich diskutiert, wer Opfer und wer Täter ist. Der Kulturjournalist Matthias Matussek kritisiert den angewendeten journalistischen Standard wie folgt: „Sind Sie nicht zu alt für so einen Spitzenjob? Und da ist er natürlich gefordert als Mann und will beweisen, dass er nicht zu alt ist. Sie hat ihn angesprochen.“ Laura Himmelreich lehnt die Einladung zur Talkrunde ab.

31. Januar 2013 – Im ARD-Deutschlandtrend verliert der Spitzenkandidat der Liberalen für den Bundestagswahlkampf im Vergleich zu Anfang Januar neun Punkte und kommt nur noch auf eine Zustimmung von 28 Prozent.

Februar/März 2013 – Bundespräsident Gauck bezeichnet die Affäre in einem Gespräch mit dem Spiegel als „Tugendfuror“.

Brüderles Parteifreundin und damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger äußert sich ebenfalls zu den Vorwürfen: „Ein Kompliment ist doch was anderes, als wenn jemand tatsächlich übergriffig ist.“

Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki wirft dem „Stern“ vor, Brüderle politisch schaden zu wollen: „Bislang waren abendliche Gespräche ob beim Essen oder nach einem Parteitag an der Hotelbar ein durch Vertraulichkeit geschützter Bereich.“

21. Juni 2013 – #aufschrei wird mit dem „Grimme Online Award“ in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet. Begründung: Keine, in einem sozialen Medium angestoßene, öffentliche Diskussion stieß zuvor auf ein derart breites Echo in Medien und Politik.

22. September 2013 – Bei der Bundestagswahl 2013 scheitert die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde.

22. Oktober 2013 – Rainer Brüderle scheidet aus dem Deutschen Bundestag aus.

Heute: Der #aufschrei ist nach wie vor aktiv. Eine repräsentative Umfrage für „ZEIT ONLINE“ hatte jedoch zum Ergebnis, „dass eine klare Mehrheit der Deutschen angibt, trotz der Sexismus-Diskussion von vor einem Jahr nicht über das eigene Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht nachgedacht zu haben.“

Rainer Brüderle ist Ehrenvorsitzender der FDP in Rheinland-Pfalz, erhebt laut eigener Aussage in der Bundespartei seine Stimme für liberale Grundsätze ohne jedoch ein Amt anzustreben.

Autoren:

frank

benny