“Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt”

Ein Interview mit einer Synchronsprecherin

Man hört sie überall: In Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main oder Düsseldorf, wenn man an Haltestellen wartet, im Hotel geweckt oder am Flughafen zum Gate gerufen wird. Ingrid Metz-Neun gehört zu den bekanntesten Sprecherinnen Deutschlands. Dennoch hat sie nie verstanden, wieso gerade ihre Stimme etwas Besonderes ist. Heute betreibt die 63-Jährige ein Synchronstudio in Offenbach und bildet Nachwuchskünstler aus. Seit 1968 ist sie zudem als Werbesprecherin tätig und verlieh Jacobs-Kaffee, Pfanni, Pirelli und Campari ihre Stimme.

Mit 63 Jahren ist noch lang nicht Schluss: Synchronsprecherin Ingrid Metz-Neun

Mit 63 Jahren ist noch lang nicht Schluss: Synchronsprecherin Ingrid Metz-Neun

Seit mehr als 40 Jahren arbeiten Sie als Sprecherin und Synchronschauspielerin. Was war der damalige Auslöser? Wie kamen Sie zum Synchronsprechen?

Der Auslöser war, dass ich eine Schauspielschule besucht habe und auch fertige
Schauspielerin bin. Auch am Theater und im Fernsehen habe ich alles ausprobiert. Aber schon sehr, sehr früh stellte ich fest, dass ich beim Theater die Probe immer toll fand, die ersten zehn Aufführungen waren auch gut, aber dann wurde es langweilig. Beim Fernsehen ist das Problem, dass Du viel Leerlauf hast, bis zum Beispiel das Licht und der Ton eingerichtet ist – was eine Ewigkeit dauert. Beim Sprechen habe ich gemerkt: „Boah, Synchronsprechen ist genau das, was Du machen möchtest.“ Das Synchronsprechen ist wie Theaterspielen, aber ohne sechs Wochen Probe zu haben. Und für mein Temperament war das genau das Richtige.

Was ist das Besondere an Ihrer Stimme?

Ende der 1960er-Jahre habe ich einfach nicht in das damalige Frauenbild am Theater, wo ich hin wollte, gepasst. Ich habe dann schnell festgestellt, welch vielfältige Möglichkeiten ich mit meiner Stimme habe. Besonders schön an meiner Stimme ist, dass sie nicht so schnell altert wie ich selbst. Ich kann heute noch in Rollen schlüpfen, die ich vor 20 Jahren gesprochen habe.

Sie standen mal vor der Entscheidung zwischen Modedesignerin oder
Synchronstudiochefin. Warum haben Sie sich für letzteres entschieden?

Das war jetzt nicht nur das Synchronsprechen, sondern grundsätzlich die Entscheidung gegen die Schneiderei. Ich habe seit meinem 12. Lebensjahr alles selbst genäht habe und später auch einen Laden gehabt. Mir hätte der Beruf der Kostümbildnerin auch Spaß gemacht. Da hätte ich aber eine komplette Schneiderlehre absolvieren müssen. Eine zusätzliche Ausbildung, die zu lange gedauert hätte. Und das Synchronsprechen funktionierte bereits so gut. Von daher fiel es mir leicht, mich gegen die Schneiderei zu entscheiden.

Verfolgt Sie ihre eigene Stimme im Alltag?

Natürlich verfolgt sie mich. Inzwischen habe ich mich mit ihr aber auch abgefunden.

Was bedeutet abgefunden? Das klingt so negativ.

Ich habe nie verstanden, dass mir Menschen Geld für meine Stimme gegeben haben. Ich fand meine Stimme nie als etwas Besonderes. Auf der anderen Seite ist es aber auch so: Wenn man mit sich selbst unzufrieden ist, entwickelt man sich immer wieder weiter. Aber früher bin ich schon manchmal vor meiner Stimme erschrocken. Eine Geschichte dazu: Neben dem Synchronsprechen spreche ich auch viele Straßenbahnlinien ein und über diese Schiene kamen ganz, ganz viele Anfragen für Telefonanrufbeantworterschleifen und Weckrufe. Einmal habe ich in einem Hotel übernachtet und dem Portier gesagt, er solle mich um halb sieben aufwecken. Als am nächsten Morgen das Telefon klingelte und ich den Hörer abnahm, sagte da meine eigene Stimme: „Es ist halb sieben, Sie wollten geweckt werden.“ Da hätte ich mir am liebsten die Decke über den Kopf gezogen.

Wie schwierig ist es, Emotionen durch das Synchronisieren zu transportieren? Ist es mit der Schauspielerei gleichzusetzen?

Beim Synchronsprecher steht das Schauspielern im Vordergrund steht. Er muss
Abrufbereit sein, um eine Szene mit zum Beispiel schwerem Atmen drauf haben. Wenn Du das nicht geübt hast, ist es sehr schwierig. Außerdem ist die Authentizität eine wichtige Sache, die man auch raushört. Wobei auch der ein oder andere Radiomoderator schafft, ein guter Synchronsprecher zu werden. Ich kenne aber nur ganz wenige Kollegen, die alle Genres abdecken. Es gibt welche, die sind super für Actionfilme, aber zum Beispiel für eine Liebeskomödie nicht. Es kann aber kaum jemand alles.

Wer setzt überhaupt fest, welcher Hollywood-Schauspieler welchen Synchronsprecher bekommt?

Wir synchronisieren seit zwei Jahren prozentual mehr Filme, die nicht in Hollywood produziert wurden. Diese Filme werden eher in Berlin synchronisiert. Aber Du musst nicht unbedingt bei unbekannten Filmen, die aus dem kanadischen oder australischen Raum kommen, so viel Wert auf die Auswahl der Synchronsprecher legen. Der entsprechende Filmregisseur sucht meist die Synchronsprecher aus. Aber wer das entscheidet? Das ist ganz unterschiedlich. In erster Linie sind es die deutschen Rechteinhaber, sprich Firmen, die die Rechte für das deutschsprachige Fernsehen erwerben. Diese Firmen haben dann wiederum ihre Synchronstudios und Lieblingsregisseure, die für die Auswahl der Sprecher verantwortlich sind. Aber hier wird oft auf die „vertraute“ Stimme gesetzt.

Und wonach richtet sich die Gage für Synchronsprechern? Verhandelt jeder für sich?

In Frankreich England und den USA bekommst du als Synchronsprecher eine Grundgage. Außerdem wirst Du am Erfolg des Filmes beteiligt. In Deutschland ist das nicht so, was zum Beispiel bei „Fluch der Karibik“ spürbar wurde. Da wurden die Sprecher nicht beteiligt. Zudem haben wir auch keine Gewerkschaft, sondern nur Vereinigungen, die schon versucht haben, einen flächendeckenden Vertrag auszuhandeln.

Stichwort computergenrierte Ansagen: Hat das digitale Zeitalter dazu beigetragen, dass die Qualität vom Synchronsprechen gelitten hat?

Absolut, aber nicht nur da. Ich finde es schrecklich, wenn ich im Rundfunk, Fernsehen oder bei Durchsagen unprofessionelle Stimmen höre. Es ist sehr schade, dass viele Menschen nicht den Wert einer guten Stimme erkennen. Man kann damit so viel erreichen. Winston Churchill hat einmal gesagt: „Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt.“

Haben sich schon Menschen in Ihre Stimme verliebt und sich
gemeldet?

Ja, ganz viele haben sich gemeldet. Aber das kam in erster Linie immer durch diese Straßenbahnanfragen. Körbeweise kamen Briefe an wie: „Es ist so toll, wie Sie die Haltestellen ansagen“. Sie kannten diese Ansagen nur von mürrischen Fahrern und fanden die Freundlichkeit meiner Stimme schön.

Autoren:

frank

benny