“Dialekte sind eine hochspannende Angelegenheit”

Viele Menschen halten Dialekt für eine minderwertige Sprache. Um heraus zu finden, wie wertvoll Mundart wirklich ist, trafen wir Professor Dr. Helmut Weiß von der Goethe Universität in Frankfurt: Für ihn ist Dialekt nicht nur Forschungsobjekt, sondern auch Herzenssache.

Prof. Dr. Helmut WeißHerr Weiß, sprechen Sie selbst Dialekt?

Ja, ich spreche Bairisch, das ist sozusagen meine Muttersprache. Ich bin auf dem Land in einer mehr oder weniger einsprachig bairischen Umgebung aufgewachsen. Hochdeutsch habe ich erst später in der Schule gelernt.

Was mögen Sie an Dialekt besonders gerne?

Persönlich verbinde ich damit positive Erinnerungen an eine schöne Kindheit. Es hört sich vielleicht kitschig an, aber Dialekt ist für mich so etwas wie Heimat. Ich habe immer noch sehr engen Kontak zu meinen Geschwistern und wenn ich mit denen rede, spreche ich natürlich immer noch Dialekt. Wissenschaftlich mag ich Dialekt, weil er ein sehr interessantes und hochwertiges Untersuchungsobjekt ist. Mein Spezialgebiet ist ja die Syntax und da hat man in den letzten 20 Jahren entdeckt, dass die Dialekt-Syntax sehr viel Interessantes zu bieten hat, im Unterschied zu den Vorurteilen, die weit verbreitet sind. Viele denken ja, Dialekte hätten keine Grammatik und keinen Satzbau, dass sich nur einfache Sätze aneinanderreihen und so weiter. Aber das Gegenteil ist der Fall: die wirklich interessanten Phänomene findet man in den Dialekten und nicht in den Standardsprachen. Und irgendwie ist es auch schön, wenn man sich als Wissenschaftler mit seiner eigenen Sprache beschäftigt.

Warum sind Dialekte wertvoll? Was kann Mundart, was Hochdeutsch nicht transportieren kann?

Für die Wissenschaft sind sie wertvoll, weil sie natürliche Sprachen sind, was bei Standardsprachen nicht immer der Fall ist. Dialekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie zum einen gesprochene Sprachen sind, für die ganz andere Anforderungen gelten, gerade auf syntaktischer Ebene. Zum anderen kennzeichnet sie, wie sie weiter gegeben werden von Generation zu Generation. Sie werden Kindern nicht durch Sprachunterricht vermittelt, sondern immer in einer natürlichen Umgebung gelernt. Abseits der Wissenschaft sind Dialekte wertvoll, weil sie so etwas wie Ausdruck kultureller Identität sind, weil sie Assoziationen mit bestimmten Lebensentwürfen enthalten. Aber das ist alles relativ. Dialektsprecher sind keine besseren Menschen, die ihre Heimat mehr lieben. Ich persönlich spreche gerne Dialekt, denn Wortwitz und Wortspielereien lassen sich im Dialekt besser machen. Das sieht man auch daran, dass viele Kabarettisten häufig auf Dialekt zurückgreifen. Theoretisch kann man das alles auch ohne Dialekt, aber für mich persönlich wäre eine Welt ohne Dialekt irgendwie ärmer. Das liegt aber natürlich daran, dass ich damit aufgewachsen bin.

Wie steht es um den Dialektgebrauch in Hessen, gerade unter jungen Menschen – stirbt Hessisch aus?

Mit der älteren Generation wird das originale Hessisch weitgehend aussterben, aber der Dialekt als solcher nicht. Er wird in einer anderen Form, in Regionalsprache überleben, was zwischen Standardsprache und Dialekt liegt. Ein Kennzeichen von Dialekt ist ja auch die Kleinräumigkeit, also dass in jedem Dorf unterschiedlich gesprochen wird. Das wird auf jeden Fall verschwinden. Es werden dann größere Regionen sein, wo die Leute dann den selben Regiolekt sprechen. Das ist aber nicht überall der Fall. In der Deutschschweiz zum Beispiel verdrängt der Dialekt langsam das Standard-Deutsch. Das kann man zum Beispiel beobachten, wenn man Sendungen auf 3sat sieht, die von Schweizer Fernsehen kommen. Sobald nicht vorgefasste Texte vorgelesen werden, wird in den Dialekt gewechselt. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass das auch in Deutschland passiert, denn hier  gibt es seit den 70er Jahren eine massive Bewegung vom Dialekt weg. Er soll angeblich den Schulerfolg von Kindern beeinträchtigen, was aber gar nicht stimmt. Es ist aber ein Grund warum viele Eltern nicht mehr mit ihren Kindern Dialekt sprechen.

Prof. Dr. Helmut Weiß

Prof. Dr. Helmut Weiß arbeitet an der Universität Frankfurt. Dort unterrichtet er Linguistik und erforscht die Syntax Hessischer Dialekte. Sein liebstes Wort in Mundart ist Zeitlang, was Sehnsucht oder Heimweh bedeutet. (Foto: Uni Frankfurt)

 Wie entstand überhaupt die Idee zu Ihrem Forschungsprojekt “Syntax Hessischer Dialekte” (SyHD)?

Ich hatte mich schon sehr lange mit der Dialektsyntax auseinandergesetzt, zunächst eben mit Bairisch. Bairisch gehört auch zu den mit am besten untersuchten Dialekten, wenn es um die Syntax geht. Es gibt auch Arbeiten zum Allemannischen, zum Deutsch-Schweizerischen, zum Schwäbischen – ansonsten gab es bis vor einiger Zeit zu den übrigen Dialekten relativ wenig Forschungsarbeiten. Und mit meinem Umzug nach Frankfurt, war es insofern naheliegend, mich mit dem Hessischen zu beschäftigen. Ich habe dann zusammen mit zwei Kollegen aus Marburg zusammengetan, Alexandra Lenz (jetzt Universität Wien) und Jürg Fleischer. Es gab übrigens zuvor schon einige interessante Projekte im Ausland.  Unser Projekt „SyHD“ war aber das erste in Deutschland, das sich ausschließlich mit der Syntax von Dialekten befasst – die Motivation war also, eine Forschungslücke zu schließen. Für mich persönlich bedeutete das Projekt, mich nochmals mit einem für mich völlig neuen Dialekt zu beschäftigen.

Und wie reagieren Ihre Mitmenschen, wenn Sie von Ihrem Forschungsgebiet erzählen?

Überwiegend positiv. Viele Leute freuen sich, dass man sich mit ihrer Sprache befasst. In der Wissenschaft hat die Erforschung der Syntax von Dialekten innerhalb der letzten 20 Jahre zunehmend mehr Anerkennung und auch Interesse bekommen; auf europäischer Ebene gibt es inzwischen eine Art Forschungsverbund, von Portugal bis Skandinavien. Als ich angefangen habe, war es komplizierter: Ich saß fachlich zwischen zwei Stühlen. Zum Teil in der allgemeinen Sprachwissenschaft, thematisch aber in der Germanistik angesiedelt – das wurde nicht von jedem gern gesehen, und natürlich musste man damals häufiger erklären, wieso die Dialektforschung ein so spannendes Thema ist. Heute ist es eher umgekehrt, da fragen viele: Toll, wieso beschäftigen sich nicht viel mehr Wissenschaftler mit den Dialekten?

Fragen Sie sich vielleicht, wie Prof.Dr.Weiß Dialekte erforscht? Hier finden Sie ein Beispiel. 

Bairisch für Fortgeschrittene

Prof. Dr. Helmut Weiß spricht selbst kaum Hessisch, denn er kommt ursprünglich aus Niederbayern. Er liebt seine „Muttersprache“ und hat uns folgende Kostprobe gegeben:

Die hochdeutsche Übersetzung lautet: „Hat dir etwa jemand etwas getan?“

Svenja Klassert

katharina