Der wa(h)re Wert des Lokaljournalisten

Freie Journalisten arbeiten in Deutschland an jeder Lokalzeitungsausgabe mit und sind unersetzbar. Trotzdem werden sie von den Redaktionen so schlecht bezahlt, dass sie von ihrem Gehalt nicht leben können.

Foto: Stefanie Oemisch

Foto: Stefanie Oemisch

Jahreshauptversammlungen, Kerwe-Umzüge und die Kreisschau des Kleintierzuchtvereins. So sieht der gewöhnliche Tag eines freien Lokaljournalisten aus. Dem Ortsvorsteher von Unner-Schimmeldewog (zu deutsch: Unter-Schönmattenwag) die Hand schütteln, Bauerntheater lauschen und so tun, als würde es einen tatsächlich interessieren, wie viele Wandregale sich die Freiwillige Feuerwehr im vergangenen Jahr gekauft hat. Aus den vielen kleinen Veranstaltungen und Vorgängen brauchbare Artikel zu schreiben, ist manchmal ein wirklich anstrengender Job, der leider immer schlechter bezahlt wird.

Zunächst einige Fakten: Die Zeilenhonorare der deutschen Lokalzeitungen liegen zwischen 0 und bestenfalls 35 Cent. Das heißt, dass man für einen durchschnittlich langen Artikel mit 100 Zeilen, zwischen 10 und 35 Euro bekommt. Manch einer wird sagen, das sei doch genug Geld für die paar Zeilen. Doch viele bedenken nicht, wie viel Zeit und Aufwand mit so einem kleinen Artikel verbunden ist.

In den ländlichen Gegenden fährt es sich zu einem Termin meist eine halbe bis dreiviertel Stunde. Dann müssen Sitzungen angehört, Interviews geführt, oder zwei Stunden lang den trivialen Klängen des Kirchenchors gelauscht werden. Im Anschluss wieder Heimfahrt und nun folgt die eigentliche Arbeit: das Schreiben des Artikels. Wird dieser unnötig in die Länge gezogen, kürzt der Redakteur alle überflüssigen Zeilen wieder heraus. Insgesamt kommen die Journalisten so für ihre 10 – 35 Euro auf eine Arbeitszeit von drei bis vier Stunden. Abzüglich Fahrtkosten und Geschäftsausstattung, wie Laptop und Auto, bleibt kaum etwas übrig. So mancher Angestellte verlässt für einen Stundenlohn von weniger als zwölf Euro gar nicht erst das Haus.

Theoretisch ist es möglich, sich als freier Lokaljournalist mit einem Umsatz von 2000 Euro über Wasser zu halten. Dies würde bedeuten, wöchentlich mindestens 20 Termine abklappern zu müssen. Praktisch sieht es aber leider so aus, dass derart viele Termine nicht an einen einzelnen Schreiberling vergeben werden. Unter der Woche übernehmen die Redakteure die anstehenden Veranstaltungen und Gespräche meist selbst und in den Ferienzeiten kann es durchaus sein, dass ein Lokaljournalist drei Wochen lang gar keinen Auftrag bekommt.

Deshalb herrscht unter den freien Mitarbeitern einer Lokalzeitung starke Konkurrenz. Keiner will, dass ein anderer ihm seine Termine wegschnappt oder sich im eigenen Revier breit macht. Vor allem die alten Hasen beschweren sich regelmäßig in den Redaktionen und sorgen dafür, dass neue Mitarbeiter kaum Aufträge bekommen.

Für viele ein echter Traumberuf

Der Lokaljournalismus hat nichts mehr mit den romantischen Vorstellungen vieler Menschen zu tun. Die Schreibenden fahren nicht vom späten Frühstück mit dem Landrat zum Theater, um anschließend in einem gemütlichen Straßencafé ihre literarischen Ergüsse zu verfassen. Als freier Mitarbeiter hat man einen stressigen Job, keine geregelten Arbeitszeiten und ein so geringes Einkommen, dass sich keine Familie davon ernähren lässt.

Trotzdem bleibt im ganzen Lokalzirkus doch noch Spaß. Man kennt sich und wird meist freundlich und dankbar empfangen. Die Leser sind neugierig, wollen sich immer wieder über die neueste Ausgabe unterhalten und loben auch gerne die Arbeit der Journalisten. Nach der vierten Essenseinladung an einem Nachmittag sparen die Schreiber sich das Abendessen — besser so, sie haben sowieso keine Zeit zum Kochen.

Bei so viel Freundlichkeit lässt es sich auch über die regelmäßigen Beschwerdeanrufe der Leser hinwegsehen. “Mein Name wurde falsch geschrieben, ich fordere eine offizielle Richtigstellung”, “Der Postbote hat meine Zeitung nicht richtig in den Briefkasten gesteckt” oder “Niemand hat über meinen Akkordeon-Auftritt berichtet, obwohl ich einen Pressevertreter eingeladen hatte.”

Die Lokaljournalisten kommen rum und treffen täglich interessante Menschen. Für viele ein echter Traumberuf – wenn man denn von ihm Leben könnte.

Autorin:

steffi