Buchkritik: “Dieser Mensch war ich – Nachrufe auf das eigene Leben”

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Was bleibt von uns nach unserem Tod? Wie schauen wir rückblickend auf unser Leben, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Wie möchten wir von anderen in Erinnerung behalten werden?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Christiane zu Salm in ihrem Buch „Dieser Mensch war ich – Nachrufe auf das eigene Leben“. Bei der Suche nach dem „wahren Wert von Worten“ stieß ich auf die Autorin und ihr Buch. Im Detail beinhaltet das Buch, wie der Titel bereits aussagt, vor allem eine Ansammlung mündlicher Nachrufe auf das eigene Leben von Hospizbewohnern. Christiana zu Salm dokumentierte diese.

 

Beim Lesen fällt besonders die unglaubliche Offenheit auf, mit der die Menschen von ihrem Leben erzählen. Es geht um verpasste Chancen, aber auch um die Überzeugung, vieles richtig gemacht zu haben. Es geht um die Angst vorm Sterben aber auch um die Überzeugung, mit reinem Gewissen das Leben zu verlassen. Allgemein sind es keine Stereotypen, die über ihr Leben berichten, sondern alles miteinander Menschen mit Charakter und Persönlichkeit.
Dennoch: Viele von ihnen quälen Fragen, die (leider) nie beantwortet werden, und die sie zwangsläufig mit in ihren Tod nehmen werden müssen:

Ein sterbenskranker Mann möchte wissen, ob sein bereits verstorbener Vater stolz auf ihn gewesen ist. Er ist sich unsicher, hatte aber nie den Mut, diesen zu Lebzeiten darauf anzusprechen. Eine todkranke Kassiererin wiederum quält die Frage, warum ein Kunde Abend für Abend vorbeikam und Klopapier kaufte. Eine Lappalie, aber für sie ungemein wichtig.

Mir fiel es beim Leser häufig schwer, das Buch aus der Hand zu legen, und noch häufiger, es an bestimmten Stellen weiterzulesen, weil ich tief betroffen war.
Automatisch begann ich nach den ersten Geschichten damit, mein eigenes Leben zu überdenken und ein Resümee zu ziehen: „Wie würde mein Nachruf auf mein eigenes Leben aussehen, wenn ich jetzt sterben müsste?“ Welche Chancen habe ich verpasst? Welche Ziele aus den Augen verloren?

Unabhängig von der großen Emotionalität, die in jeder einzelnen Geschichte zu finden ist, vermitteln die Niederschriften auch viel Verständnis. Man lernt unterschiedlichste Lebenseinstellungen kennen und bekommt ein Gespür dafür, wie die Portraitierten ein erfolgreiches Leben definieren, welche Ideale sie verfolgen und wie sie sich im gesellschaftlichen Kontext sehen. Es ist also vielmehr eine Ode an das Leben, als eine Ode an den Tod.

 

In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch jedem, der sich grundsätzlich für verschiedene Denkmuster über den Sinn des Lebens interessiert, und jedem, der diese Denkmuster als Erinnerungsanstoß für sein eigenes Leben gebrauchen kann.

Autor:

paulmp